Schnipp-Schnapp…
… Haare ab!
Mein Vater war, nach eigener Aussage, 23 als er sein erstes graues Haar entdeckte. Als ich ihn kennenlernte war er 36 und bereits stark graumeliert, soweit ich mich an ihn erinnere tue ich dies als an einen weißhaarigen Mann.
Das führte zu einigen Anekdoten:
als er 38 und meine Mutter 30 waren fuhren sie gemeinsam mit einer ebenfalls weißhaarigen, aber nur 4 Jahre älteren Freundin in den Urlaub. Bei einem abendlichen Tanz wurde meine Mutter von einem Einheimischen aufgefordert. Während des Tanzes deutete der junge Rumäne auf meinen Vater und die Freundin der Familie und fragte "Mama und Papa?"
Als meine Mutter ihn aufklärte, daß es sich um ihren Ehemann handele, hätte der schüchterne junge Mann sie vor Verlegenheit fast auf der Tanzfläche stehen lassen.
Obwohl als junger Mann eher brünett mischten sich in die weißen Haare meines Vaters schwarz anmutende Stellen, ließ er sich einen Bart stehen war auch dieser schwarz mit vereinzelten weißen Häärchen. Dies verleitet eine Kollegin zu der Aussage: "Also der Herr Reimer ist ja sehr nett, aber daß der sich die Haare weiß färbt…"
Als mein Vater 45 wurde, also im Jahr 1976, wurde er gefragt, ob er sich auch noch an die große Schweinegrippen-Epedemie im Jahre 1909 erinnere??? Häufig wurde er gerne mitleidig gefragt wie lange er denn noch bis zur Rente habe?
So ist es wohl nicht verwunderlich, daß ich mich lange dagegen sträubte den Genen meines Vaters nachzugeben. Denn mit 24 zupfte ich einen vermeintlichen Faden aus meinen Haaren. Der kurze Schmerz, der mit dem Zupfen verbunden war, belehrte mich eines Besseren: es war kein Faden, es war mein erstes graues Haar… nun hat man als Frau den unschätzbaren Vorteil, daß man sich die Haare färben kann.
Ich tat dies seit ich 15 oder 16 war: zunächst blonde Strähnchen, später eine Rot-Braun-Spülung. Es folgten alle Nuancen gefärbtes Rot von Kastanie bis Pumuckel und schließlich braun, sehr lange braun.
Zwischenzeitlich wieder einige Experimente in Rot, dann wieder Braun.
Irgendwann wurde der helle Ansatz zu einem diffusen weiß-grauen Heiligenschein und somit musste die Frequenz der Färberei erhöht werden. Dies bald leid, folgte ein knappes Jahr in blond.
Blonde Haare haben den Nachteil, wenn sie mittels Farbe blond wurden, strohig zu sein. Mein ohnehin schon trockenes Haar erreichte einen Grad von Trockenheit, der kaum zu beschreiben ist, also wurde ich wieder dunkel.
Naja, dunkel … reichten früher 8 oder manchmal 12 Wochen als Pause, waren es jetzt 4.
Maximal.
Meine Neugier war geweckt: was würde passieren, wenn ich meine Original-Haarfarbe trüge?
Würden mir freundliche junge Pfadfinder über die Straße helfen?
Bekäme ich im Restaurant ungefragt Seniorenteller?
Nun, nach langem Hin und Her habe ich nun die Gelegenheit es am eigenen Leibe zu erfahren: seit einer Woche sind die Haare raspelkurz. Anders ließen sich die Reste der zuletzt getragenen Farbe nicht entfernen.
Neue Photos sind gemacht.
Ich bin ein anderer Typ.
Und sehr gespannt, wann mich der Erste fragt, wie lange ich noch müsste bis zur Rente?


