ClaudiasBlog

aus dem Leben einer Schauspielerin

Der Haken mit den Nippeln

Abgelegt unter: Theater — Claudia Reimer @ 29. Juli 2007

Mitte der Woche bekam ich eine neue Bluse. Ihre Vorgängerin sah im Bühnenlicht aus, als hocke Mrs.Pearce heimlich im Keller, wo sie riesige Zigarren rauche…
also erbte ich ein schönes Teil der Hauptdarstellerin, die wiederum etwas Neues bekam.

So weit alles gut! Meine neue Bluse hat praktische Gummizüge in den Ärmeln unter denen ich mein Taschentuch besser verstecken und im passenden Moment hervorzaubern kann. Meine neue Bluse hat keinen steifen Klettverschluß, sondern praktische Druckknöpfe.
Meine neue Bluse hat nur einen Nachteil: Schnitt und Stoff machen meine Nippel sichtbar.

Ablenkend sichtbar.

Was tun?

Die Kostümabteilung bringt Wattepads, die in der Mitte auseinander genommen die kleinen Biester in den Griff kriegen sollen. Leider sieht man nun die Wattepads, die unter der Bluse wirken, als ob ich Tellergroße Brustwarzenhöfe hätte.

Der entzückende Maskenbildner weiß Rat: Leukofix. Durchsichtig, hautschonend und: nippelabdeckend! Fragt sich nur, wie diese nach 87 Vorstellungen aussehen werden?

Endproben

Abgelegt unter: Theater — Claudia Reimer @ 25. Juli 2007

Ich liebe Endproben!

Ein Kollege hat eine Lungenentzündung (die glücklicher Weise rechtzeitig erkannt wurde!) und kommt erst heute wieder, also gab der Regisseur seine Rolle.

Währenddessen versuchte der Lichtmensch mal zu zeigen, was seine Scheinwerfer so können und wir standen ständig im Dämmerlicht, Dunkel oder gleißender Helligkeit, während irgendein Musiker quakte, daß er nichts sehen könne und spielte, als müsse er die Noten in Brailleschrift ertasten.

Mit dem Ton ging es ähnlich: es klang alles irgendwie seltsam: mal zu leise, mal zu laut und manchmal fies übersteuert. Die Einspieler kamen alle nicht.

Die Bühnenteile sind viel schwerer und unhandlicher, als auf der Probenbühne: gestern wurde schon gleich mal das Portal von mir gerammt - den Trichter vom Gramophon hat dann aber der Regisseur abgerissen, als er mir zeigen wollte, wie ich den Wagen fahren soll ;-)

Meine Frisur variierte von so einer Art Biedermeier-Dings (als ich mitten im Frisieren auf die Bühne stürzen musste), über einen 60er Beehive (eine Art Marge-Simpson Reminiszenz in braun) bis zur Elvistolle, die wenn sie ausgearbeitet ist eine wunderbare Jahrhundertwende-Frisur wird!

Meine Schuhe sind noch nicht "umzugsfähig" und ich trug meine privaten Sandalen, die auf dem Bühnenboden schrecklich klappern.

Abgesehen davon, nahm ich an der falschen Stelle eine Tasse mit (sehr hinderlich, wenn man tanzen und eine Hand frei haben sollte!), fuhr an einer falschen Stelle einen Wagen raus und vergaß mein auf der Bühne dringend benötigtes Taschentuch…

Endproben eben!
Bin gespannt, wie es heute wird!?

Abschied

Abgelegt unter: Allgemein — Claudia Reimer @ 23. Juli 2007

5 Jahre habe ich meine Miete in einem Job verdient, der überhaupt nichts mit meinem Beruf zu tun hat. Nun "urlaube" ich für ein halbes Jahr um mal wieder voll und ganz Schauspielerin sein zu dürfen. Und sosehr ich mit meinem Schicksal in den letzten Jahren haderte, jetzt überkommt mich ein kleiner Blues.

Immerhin war ich - außer auf dem Gymnasium - nirgendwo so lange am Stück!

Ich habe viel gelernt in diesen 5 Jahren:
z.B. daß ich ohne Kreativität nicht leben kann. So habe ich wieder angefangen zu malen, ein Langfilmdrehbuch und mehrere Kurzfilme geschrieben, Lesungen und Programme entworfen und Hamburgs erstes Wohnzimmertheater ins Leben gerufen.

Ich konnte die ganzen Vorzüge eines geregelten Arbeitnehmerlebens genießen: 30 Tage bezahlten Urlaub, krank sein, wenn man krank ist, die Struktur die diese regelmäßige Arbeit meinem Leben plötzlich gab und die sozialen Kontakte, die sich zwangsläufig ergeben, wenn man mit anderen zusammenarbeitet.
Viel Zeit, so daß aus Fremden Freunde werden konnten.

Ich kam aus meinem kleinen Elfenbeinturm - in dem man unweigerlich lebt, wenn man nur mit Gleichgesinnten zu tun hat - und erfuhr, daß "Gleichberechtigung", "Mobbing", "sexuelle Belästigung", "Rauchfreier Arbeitsplatz" usw. tatsächliche Probleme in der Welt "da draußen" sind.

Und ich habe unglaublich viele Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen kennengelernt, sowie meinen Wortschatz sinnloser Sätze in fremden Sprachen erweitert:
ich kann auf finnisch sagen, daß eine Mücke in die Sauna kommt,
auf portugisisch darum bitten, mich hier rauszuholen,
auf tschechisch anmerken, daß ich wahnsinnig werde
und immerhin auf Zulu sagen "Hallo!" "Wie geht es Dir?" und "Mir geht es gut". Dabei finde ich besonders erwähnenswert, daß die direkte Übersetzung für "Es geht mir gut" "Ich lebe." bedeutet, weshalb es in dieser Sprache keine Worte für "Es geht mir schlecht." gibt.

Thanks! Merci! Obrigada! Dankjewel! Gracias! Prominj! Giabonga! Danke! An all die Menschen, die mein Leben in den letzten 5 Jahren bereichert haben!

Erschüttert!

Abgelegt unter: Allgemein — Claudia Reimer @ 20. Juli 2007

Meine Anfängerjahre verbrachte ich an einem kleinen Stadttheater. Neben einem 12 Mann Orchester, einer Schauspielabteilung, dem KBB und den Vorständen arbeiteten dort noch 15 Leute:

2 MaskenbldnerInnen
2 Schneiderinnen
1 Tonmann
1 Beleuchtungsmeister
1 Bühnenmeister
1 Tischler
2 Techniker
1 Theatermaler
1 Requisiteur
1 Inspizientin
2 Souffleure

Die Techniker waren sowohl für den Bühnenbau, als auch für den Aufbau der Bühne verantwortlich (wobei Bühnen- und Beleuchtungsmeister genau so mit anfassten, wie auch Ton und Tischler). Bei kleineren Stücken, schminkten sich die Schauspieler selbst und richteten sich auch ihre Kostüme alleine ein. Außerdem klebten alle zusammen Plakate für neue Produktionen und verteilten Flyer. Das alles für die Anfängergage (ja, ja auch die gesamte Technik und Ausstattung erhielt sie!) von 2550,- DM brutto.

Verstehe ich nun einige Kollegen richtig, sind sie der Meinung, Theater gehe auch ohne diese Menschen. Damit haben sie einen guten Verbündeten in der ortsansässigen CDU gefunden, die das Theater vor 3 Jahren abwickelten.
Von den oben genannten arbeiten noch 2 an dem zu einem Gastspielhaus umfunktionierten Theater.

Mir kommt es vor, als würden einige an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen…

Wanda Pearce, geb. Bosford

Abgelegt unter: Theater — Claudia Reimer @ 12. Juli 2007

Vorweg möchte ich erwähnen, daß ich kein Method-Actor bin. Diese kleine Biographie zu meiner Rolle ergab sich aus der, von unserem Regisseur in einer Probe harmlos gestellten Frage: "Wie heißt die eigentlich mit Vornamen?" und einigen hartnäckigen Nachfragen meines "Mentors" (der es gar nicht mag, so genannt zu werden) - mehr braucht das fabulierende Künstlerhirn nicht (außer vielleicht der vergangenen Lektüre einiger Bücher von Eva Ibbotson und Walter Satterthwait), um sich folgende Geschichte zusammenzureimen:

Wanda Bosford wurde 1870 in Oxford geboren.
Ihre Eltern waren der Apotheker George Bosford und seine Frau Victoria.
Den ungewöhnlichen Vornamen erhielt Wanda nach ihrer Großmutter väterlicherseits, einer aus Rußland stammenden Tänzerin. Eines Tages betrat diese, dünn und verfroren, die Apotheke von Georges Vater und wollte Hustensaft kaufen. Sie war Teil eines kleinen Ballettensembles, das durch England tourte.
Es war Liebe auf den ersten Blick.
Die junge russische Tänzerin Wanda blieb bei dem Apotheker in Oxford, sie heirateten, bekamen 2 Kinder: George und Alfred, und waren sehr glücklich - die Namensgleichheit mit der Hauptfigur aus Marquis de Sades "Venus im Pelz" sollte sie nie erfahren.

Die kleine Wanda wuchs in einem Fachwerkhaus am Rande von Oxford auf. Ihre liebsten Erinnerungen an ihre frühe Kindheit ranken sich um den Rosengarten, der der ganze Stolz ihrer Mutter war.
Victoria Bosford ähnelte ihrer Namensvetterin, der Königin auch äußerlich und war eine liebevolle Frau, die mit großer Leidenschaft kochte, sich um ihre Rosen kümmerte und las. Sie führte den Haushalt mit Dienstboten und Köchin auf eine freundliche, liebevolle und manchmal etwas nachlässige Art. Victoria brachte Wanda Lesen und Schreiben bei, sobald Wanda, ein sehr neugieriges Kind, Interesse für Bücher zeigte.
Von ihrer Mutter hörte die kleine Wanda auch zum ersten mal von Florence Nightingale, die ihrer beider Heldin wurde. Wanda beschloß, Krankenschwester zu werden.
George war kein besonders strenger Vater. Er liebte seine Tochter und nahm sie früh mit in die Apotheke, wo er sie kleinere Arbeiten verrichten lies, sofern ihr kindliches Geschick dies zuließ. Als sie etwas älter war, brachte er ihr einige Grundlagen seiner Arbeit bei, was ihr bei ihrem angestrebten Beruf ja nur behilflich sein konnte. Von ihm lernte sie auch Buchführung.

Das große Unglück ereignete sich als Wanda 16 war. Sie blieb alleine zu Hause, als ihre Mutter mit dem Mittagessen in die Apotheke ging. Wanda wunderte sich, warum ihre Mutter so lange fort blieb, bis Nachbarn sie aus dem Haus holten: in der Apotheke hatte es eine Explosion gegeben. Das Haus in dem die Apotheke war, brannte lichterloh. Für ihre Eltern gab es keine Rettung mehr.
Wanda, nunmehr Vollwaise, wurde von ihrem Onkel Alfred aufgenommen, der in London lebte.

Alfred war über einige Umwege Jurist geworden und hatte seine eigene Kanzelei. Er war eingefleischter Junggeselle, verdiente anständig, da er sich einen guten Ruf als Anwalt erworben hatte und verkehrte in der gehobenen Mittelschicht.

Wanda war erschrocken über die Großstadt London mit all ihren Gegensätzen. Die Arbeiter, die Armut hatte sie so in Oxford nicht erlebt.
Alfred schickte Wanda in die Schule, ebenfalls eine neue Erfahrung für sie, die nur zu Hause unterrichtet worden war. Sie war eine gute Schülerin mit einer erstaunlichen Begabung für Mathematik.
Wanda schwärmte sehr für ihren Onkel, der ihr ebenfalls zugetan war, aber auf eine seltsame Weise fern blieb. Er nahm sie mit ins Theater, die Oper zu Tees, Bällen, Soirées und natürlich auch nach Ascot, froh darüber, eine weibliche Begleitung zu haben und so -zumindest für eine Weile- vor lästigen Verkupplungsversuchen seiner Umgebung verschont zu bleiben.
Er verkehrte regelmäßig bei Mrs. Higgins, die in etwa in seinem Alter war und dort lernte die nun 18 jährige Wanda den 6 Jahre älteren Major James Pearce kennen.
2 Jahre später heirateten sie.

Die Ehe blieb kinderlos, war aber glücklich, bis James im Jahr 1900 nach Südafrika beordert wurde, wo er im Früsommer des Jahres im Burenkrieg fiel. Wanda war untröstlich. Ihr ganzes Leben schien von tragischen Verlusten geprägt und sie sehnte sich nach Sicherheit und Ordnung.
Der Kontakt zu Mrs. Higgins war nie abgerissen und als diese erklärte, ihr Sohn brauche dringend eine Haushälterin, stimmte Wanda freudig zu, diesen Posten zu übernehmen. Mit ihrer kleinen Rente, die ihr durch James Tod zustand mußte sie nicht arbeiten, aber sie tat es gern.

Anfänglich erlag sie, wie jede Frau Henry Higguns Charme, aber seine ständigen Launen, sein wechselhaftes Gemüt und seine proffesorale Hilflosigkeit ließen ihre romantischen Gedanken und Gefühle schnell verblassen. Hatte sie sich zu Beginn ihrer Arbeit noch den vagen Traum einer zweiten Hochzeit gehegt, war sie schon nach einem Jahr glücklich, daß dieser Traum sich nicht erfüllt hatte. Auch so entwickelte sich im Laufe der Jahre eine fast symbiotische Beziehung zwischen ihnen.

Gerüchten zufolge führte sie seinen Haushalt so gut und effizient, daß man nie einen Dienstboten sah ;-)

Theaterdonner

Abgelegt unter: Theater — Claudia Reimer @ 10. Juli 2007

Da grollte er, entfernt aber hörbar!

Für mich, die ich Kollegenneid und Zickenkrieg nur vom Hörensagen kenne eine völlig neue Erfahrung! Anlaß war ein gemeinsames Kochen-und-Essen. Ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres! Mag sein, daß das der Grund war, wahrscheinlich lag es aber an den reichlichen Mengen Alkohol… jedenfalls meinte plötzlich jemand, er müsse mal ein wenig die Gesellschaft aufmischen.
Zunächst sah er mich an und meinte, ich hätte mich mit seiner Freundin - der Kunstgewerblichen - angelegt. Aiaiai! Ein schlechter Ruf verbreitet sich schneller. als man manchmal ahnt!
Ich stellte richtig, daß ich mich
a) nicht angelegt hätte und
b) völlig überfahren war von ihren Ideen, die jedoch wenig mit dem darzustellenden Text gemein hatten
solcher Maßen beruhigt?, mundtot? stürzte er sich auf die nächste Kollegin, um ihr zu erklären, was sie alles falsch mache. Die war nicht willens oder in der Stimmung, die ganze Tirade unter "besoffenes Gequatsche" abzulegen, sondern nahm sich alles zu Herzen.

War es Zufall, daß der Intendant am nächsten Tag bei der Probe erschien, alle freundlich begrüßte und nur besagtem Kollegen bescheinigte, er sähe blass aus?

 

Ein Leben ohne Theater?

Abgelegt unter: Allgemein — Claudia Reimer @ 08. Juli 2007

Kann ich mir ein Leben ohne Theater vorstellen?

Klar kann ich. Dazu gehört nicht viel. Nur die Rückschau auf die letzten 2 Jahre. In der Zeit habe ich ausschließlich "frei" gearbeitet und das bedeutete Proben in einer Aula, einem Partyraum, einem Wohnzimmer um sich dann - im Extremfall - mit 16 Leuten eine 12qm-Garderobe zu teilen…

Das letzte Mal, daß ich an einem Theater gearbeitet habe, an dem es Techniker gab, die die Bühne aufbauten, eine Maskenbildnerin, die uns schminkte und sich um die Perücken kümmerte, sowie eine Kostümbildnerin und Ankleider ist 5 Jahre her…
Habe ich das in den letzten Jahren vermisst?
Ja. Definitiv.

Ich bin mit Theater aufgewachsen: Weihnachtsmärchen, Kindertheater, Oper. Meine Eltern hatten für fast jedes Theater in Hamburg mal ein Abonnement. Auch aus meiner Vergangenheit ist das Theater nicht wegzudenken, aus meiner Gegenwart sowieso nicht.

Welche Bedeutung aber hat das Theater heute gesellschaftlich? Gehört es noch zum guten Ton, ins Theater zu gehen? Mag man sich Theater noch leisten?

In Theatergeschichte habe ich gelernt, daß die Tradition des deutschen Theaters daraus entstand, daß sich Fürstenhäuser "ihre Truppen" leisteten. Daraus wurde dann irgendwann das Subventions-Theater… nun werden Subventionen gekürzt, aber das Theater entwickelt keine neuen Ideen.
Einsparungen werden weitergegeben an die Künstler - neue Konzepte? Nicht in Sicht.
Wir machen weiter, wie bisher.
Druck nach oben aufzubauen und so die Politk zwingen, sich endlich auch mit dieser verschwindend kleinen Berufsgruppe der Theaterleute zu beschäftigen findet nur sehr punktuell statt.

Ich hoffe, daß es trotzdem auch in meiner Zukunft noch Theater geben wird!