Vorweg möchte ich erwähnen, daß ich kein Method-Actor bin. Diese kleine Biographie zu meiner Rolle ergab sich aus der, von unserem Regisseur in einer Probe harmlos gestellten Frage: "Wie heißt die eigentlich mit Vornamen?" und einigen hartnäckigen Nachfragen meines "Mentors" (der es gar nicht mag, so genannt zu werden) - mehr braucht das fabulierende Künstlerhirn nicht (außer vielleicht der vergangenen Lektüre einiger Bücher von Eva Ibbotson und Walter Satterthwait), um sich folgende Geschichte zusammenzureimen:
Wanda Bosford wurde 1870 in Oxford geboren.
Ihre Eltern waren der Apotheker George Bosford und seine Frau Victoria.
Den ungewöhnlichen Vornamen erhielt Wanda nach ihrer Großmutter väterlicherseits, einer aus Rußland stammenden Tänzerin. Eines Tages betrat diese, dünn und verfroren, die Apotheke von Georges Vater und wollte Hustensaft kaufen. Sie war Teil eines kleinen Ballettensembles, das durch England tourte.
Es war Liebe auf den ersten Blick.
Die junge russische Tänzerin Wanda blieb bei dem Apotheker in Oxford, sie heirateten, bekamen 2 Kinder: George und Alfred, und waren sehr glücklich - die Namensgleichheit mit der Hauptfigur aus Marquis de Sades "Venus im Pelz" sollte sie nie erfahren.
Die kleine Wanda wuchs in einem Fachwerkhaus am Rande von Oxford auf. Ihre liebsten Erinnerungen an ihre frühe Kindheit ranken sich um den Rosengarten, der der ganze Stolz ihrer Mutter war.
Victoria Bosford ähnelte ihrer Namensvetterin, der Königin auch äußerlich und war eine liebevolle Frau, die mit großer Leidenschaft kochte, sich um ihre Rosen kümmerte und las. Sie führte den Haushalt mit Dienstboten und Köchin auf eine freundliche, liebevolle und manchmal etwas nachlässige Art. Victoria brachte Wanda Lesen und Schreiben bei, sobald Wanda, ein sehr neugieriges Kind, Interesse für Bücher zeigte.
Von ihrer Mutter hörte die kleine Wanda auch zum ersten mal von Florence Nightingale, die ihrer beider Heldin wurde. Wanda beschloß, Krankenschwester zu werden.
George war kein besonders strenger Vater. Er liebte seine Tochter und nahm sie früh mit in die Apotheke, wo er sie kleinere Arbeiten verrichten lies, sofern ihr kindliches Geschick dies zuließ. Als sie etwas älter war, brachte er ihr einige Grundlagen seiner Arbeit bei, was ihr bei ihrem angestrebten Beruf ja nur behilflich sein konnte. Von ihm lernte sie auch Buchführung.
Das große Unglück ereignete sich als Wanda 16 war. Sie blieb alleine zu Hause, als ihre Mutter mit dem Mittagessen in die Apotheke ging. Wanda wunderte sich, warum ihre Mutter so lange fort blieb, bis Nachbarn sie aus dem Haus holten: in der Apotheke hatte es eine Explosion gegeben. Das Haus in dem die Apotheke war, brannte lichterloh. Für ihre Eltern gab es keine Rettung mehr.
Wanda, nunmehr Vollwaise, wurde von ihrem Onkel Alfred aufgenommen, der in London lebte.
Alfred war über einige Umwege Jurist geworden und hatte seine eigene Kanzelei. Er war eingefleischter Junggeselle, verdiente anständig, da er sich einen guten Ruf als Anwalt erworben hatte und verkehrte in der gehobenen Mittelschicht.
Wanda war erschrocken über die Großstadt London mit all ihren Gegensätzen. Die Arbeiter, die Armut hatte sie so in Oxford nicht erlebt.
Alfred schickte Wanda in die Schule, ebenfalls eine neue Erfahrung für sie, die nur zu Hause unterrichtet worden war. Sie war eine gute Schülerin mit einer erstaunlichen Begabung für Mathematik.
Wanda schwärmte sehr für ihren Onkel, der ihr ebenfalls zugetan war, aber auf eine seltsame Weise fern blieb. Er nahm sie mit ins Theater, die Oper zu Tees, Bällen, Soirées und natürlich auch nach Ascot, froh darüber, eine weibliche Begleitung zu haben und so -zumindest für eine Weile- vor lästigen Verkupplungsversuchen seiner Umgebung verschont zu bleiben.
Er verkehrte regelmäßig bei Mrs. Higgins, die in etwa in seinem Alter war und dort lernte die nun 18 jährige Wanda den 6 Jahre älteren Major James Pearce kennen.
2 Jahre später heirateten sie.
Die Ehe blieb kinderlos, war aber glücklich, bis James im Jahr 1900 nach Südafrika beordert wurde, wo er im Früsommer des Jahres im Burenkrieg fiel. Wanda war untröstlich. Ihr ganzes Leben schien von tragischen Verlusten geprägt und sie sehnte sich nach Sicherheit und Ordnung.
Der Kontakt zu Mrs. Higgins war nie abgerissen und als diese erklärte, ihr Sohn brauche dringend eine Haushälterin, stimmte Wanda freudig zu, diesen Posten zu übernehmen. Mit ihrer kleinen Rente, die ihr durch James Tod zustand mußte sie nicht arbeiten, aber sie tat es gern.
Anfänglich erlag sie, wie jede Frau Henry Higguns Charme, aber seine ständigen Launen, sein wechselhaftes Gemüt und seine proffesorale Hilflosigkeit ließen ihre romantischen Gedanken und Gefühle schnell verblassen. Hatte sie sich zu Beginn ihrer Arbeit noch den vagen Traum einer zweiten Hochzeit gehegt, war sie schon nach einem Jahr glücklich, daß dieser Traum sich nicht erfüllt hatte. Auch so entwickelte sich im Laufe der Jahre eine fast symbiotische Beziehung zwischen ihnen.
Gerüchten zufolge führte sie seinen Haushalt so gut und effizient, daß man nie einen Dienstboten sah