Seefahrerromantik
Mit Seefahrt hat unser Dampfer sehr wenig zu tun. wenn ich es nicht eh schon wusste, es ist mir klar, seit wir an Bord der "Danmark" waren.
Die "Danmark" ist ein Segel - Schulschiff der dänischen Handelsmarine. 1933 gebaut. Sie wird gerade von drei Leuten im Hafen von Gran Canaria überholt und geht im Juni mit 80 Kadetten auf große Fahrt nach Amerika.
Jede Woche liegen also unser großer und ihr kleiner Kahn am selben Pier und es entstand ein netter Kontakt, der es immer wieder möglich macht, daß wir in kleinen Gruppen gucken dürfen, was "richtige" Seefahrt ist. Im Gegenzug dazu kommen Kat, die einzige Frau an Bord, Anas der Ältere und Anas der Jüngere zu uns zum Essen. Anas der Jüngere, der ohne Weiteres als Prototyp des nordischen Mannes durchgeht, hat eine Leidenschaft für Eiscreme und genießt es, bei uns bedingungslos zuschlagen zu können.
Der größte Unterschied - abgesehen davon, daß die "Danmark" ein Segelschiff ist und unser Schiff nicht - hier ist alles aus Holz: Boden, Wände, alles. Deswegen sind auch die Instandsetzungsarbeiten nötig und deswegen macht man sie auch auf den Kanaren, da hier das Wetter beständiger ist, als in Europa.
Als wir an Bord kamen, begrüßte uns der Duft von Gegrilltem: Fleisch und Würstchen brutzelten schon eifrig vor sich hin und auf dem Deck war ein Tisch für 8 Personen gedeckt… wir waren zu einem spontanen Essen eingeladen!
Zunächst aber das Schiff: ein richtiges, echtes Segelschiff mit Holzplanken, Takelage und einem mannsgroßen Steuerrad (nicht wie bei uns Konsolen und Hebel).
Alle alten Seefahrergeschichten, die ich als Kind las, wurden wieder lebendig.
Die Romantik hat schnell ein Ende, wenn man sich die Kabinen ansieht: habe ich mich jemals darüber beklagt, in meiner Kabine zu wenig Platz zu haben?
Die Offizierskabinen der "Danmark" sind tatsächlich etwas größer als unsere, allerdings mit wesentlich weniger Stauraum. 3 Schubladen unter dem Bett müssen reichen.
Die angehenden Kadetten dagegen schlafen zu 40. in einem Raum! Unter der Decke stehen die Manningnummern und dort hakt dann der zukünftige Kadett seine Hängematte ein. Tagsüber verstaut er seine Hängematte in der Sitzbank desselben Raumes, denn dort finden auch alle Schulungen statt und herumhängende Hängematten würden den Blick auf die Leinwand versperren.
Für sein restliches Hab und Gut bleibt ihm ein ca. 20cm breiter Spind.
Ich schreibe hier "er". Selbstverständlich gibt es auch angehende weibliche Kadetten.
Stelle ich mir vor, daß alle Hängematten in Position sind, dürfte man einen Abstand von maximal 10 cm zu seinem Nachbarn oder seiner Nachbarin haben.
Insgesamt bekam ich auf dem Schiff plötzlich wieder einen Eindruck davon, was Seefahrt wirklich bedeuten kann. Unser "Musikdampfer" (O-Ton Kapitän) hat mit der christlichen Seefahrt ungefähr so viel gemeinsam, wie mit spanischem Stierkampf…
Neben den 2 sehr zweckmäßigen Schlaf-Lehr-Messe-Räumen und einer kleinen Offiziersmesse, die aussieht, wie die große Küche einer 6 köpfigen WG, den Offizierskabinen, Kombüsen und Waschräumen gibt es noch das "Mahagoni - Zimmer".
Ein Raum, wie man ihn sich auf einem alten (Segel)schiff als Kapitäns-Refugium vorstellt: mahagonivertäfelte Wände und Decke, gepolsterte Stühle, gedämpftes Licht und bitte! das Holz nicht anfassen, weil man jeden Fingerabdruck darauf sieht…
Beim Essen erzählte Anas, der Ältere hier lerne man, Konflikte auszutragen und zu bewältigen. Das glaube ich gerne!
Wir fanden aber auch einige Gemeinsamkeiten heraus. Zum Beispiel das leidige Thema "Wäsche". Während bei uns die Waschküchen ja streng nach Crew und Offizieren getrennt sind, gibt es an Bord der "Danmark" genau eine Waschmaschine und einen Trockner. Kadetten und solche, die es werden wollen, waschen von 6:00 bis 12:00 alle Anderen, danach. Und die üblichen Probleme, die entstehen, wenn sich mehrere Leute eine Waschmaschine teilen gibt es eben hüben wie drüben.
Unser Kapitän schnürte auf einen Schaschlik-Spieß und 2 kleine Steaks vorbei und trug ein paar Geschichten aus seiner Zeit in Cannes bei.
Abends kamen Anas, Anas und Katrin auf Gegenbesuch und wir zeigten ihnen unsere Kabinen (Luxus! für sie), aßen mit ihnen in der Crewmesse (Linsensuppe mit Würstchen) und nahmen ein Bier in der Crewbar.
Als wir abends ausliefen, standen die drei in den Wanten und winkten uns zu… es war ein Tag unter Freunden, die ich vielleicht nie wieder sehen werde.


