ClaudiasBlog

aus dem Leben einer Schauspielerin

Fair oder feige…?

Abgelegt unter: Allgemein — Claudia Reimer @ 02. Januar 2009

So, so, fair soll ich also sein… aufgefordert werde ich dazu von "Peter". Da Peter ein Geheimnis daraus macht, wer er ist, könnte er von "Peter Alexander" (lebt der überhaupt noch?) über "Peter Igelhoff" (der lebt nicht mehr) bis "Peter I  Zar von Russland" (auch tot) so ziemlich jeder sein… nebenbei bezieht sich der unbekannte Peter auf "My Fair Lady", ein Stück, das ich zur Zeit nicht spiele. Also ist er wohl eher "Peter, der Ahnungslose".

Nun gut.

Fair soll ich also sein und frage mich, wer eigentlich fair mit mir ist?

Vor ca 8 Jahren geschah es zum ersten Mal: ich saß in einem hochsubventionierten Theater und sah "Republik Vineta", da fiel mir ein leises, schleifendes Geräusch auf. Gefühlte 6 Stunden später wusste ich, was es war: dieses Geräusch wurde von meiner verstreichenden Lebenszeit verursacht. Seitdem geschieht es immer häufiger: langweilige Autoren, Dramaturgen und Regisseure riskieren meine Lebenszeit.
Kollegen tun es eher selten. Sie entschuldigen sich achselzuckend mit: "Das hat der Regisseur so gewollt."
Abgesehen davon, daß ich meinungslose Menschen suspekt finde, frage ich mich, was meinungslose Schauspieler auf einer Bühne zu suchen haben???

Auf meiner privaten, nach unten offenen Katastrophenskala kämpfen 2 Stücke um den letzten Platz: eine Tourneé Vorstellung von "Der Vaterschaftsprozess des Josef Z." und eine auf 2 1/2 Stunden gekürzte Fassung von "Trauer muß Elektra tragen". In beiden Vorstellungen spielten befreundete Kollegen und ich sah mich gezwungen in Hoffnung auf den-Moment/Monolog-der-alles-herausreißt, bis zum Ende durchzuhalten und nicht
a) in der Pause zu gehen ("Der Vaterschaftsprozess des Josef Z.") oder
b) den nächsten Zug nach Hause zu nehmen ("Trauer muß Elektra tragen")…
In beiden Fällen sprach ich hinterher mit meinen Freunden und sagte ihnen, was mir nicht gefallen hatte, denn eines habe ich noch nie fertig bekommen: nach so einem Abend jemandem freundlich lächelnd zu sagen, daß es "ganz toll" gewesen sei.

Meine Meinung ist genau das: meine Meinung. Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, ich bin Schauspielerin keine Kritikerin (aber als Schauspielerin bestimmt kritischer, als viele normale Zuschauer. Das geht jedem in seinem Beruf so… man frage da mal Köche :-) ). Und natürlich äußere ich sie vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen und meinem Anliegen an "Schauspiel".
Sicher ist es nicht angenehm zu hören, daß der Abend/man selber nicht gefallen hat, aber genau da liegt der größte Gewinn: wenn alle sich nur lobhudeln,  findet keine Entwicklung statt. Im Gegenteil, man landet irgendwann bei dem alten Spruch "Eßt Scheiße, 50 000 Fliegen können sich nicht irren."

Ich jedenfalls wünsche mir mehr kritische Stimmen, damit ich mir nicht stundenlang überlegen muß, ob ich mir nicht vielleicht die Pulsadern aufschneiden sollte während ich im Zuschauerraum eines Theaters sitze, um dem Abend wenigstens irgendeinen Sinn zu geben.

4 Kommentare für “Fair oder feige…?”

  1. Thomas sagt:

    Mehr konstruktive Kritik, dass ist es genau, was wir alle brauchen. Und es ist nur fair sie auszusprechen. Ich kenne diesen Zustand sehr genau: Man hat etwas gesehen, was man furchtbar fand und kann hinterher den befreundeten Akteuren nicht ins Gesicht lügen. Persönlich bin ich immer sehr dankbar für ehrlich und konstruktive Kritik. Wie man sie verbucht, dass steht schließlich auf einem andern Blatt.
    Ich kannte jemanden, dem die meisten meiner Produktionen nicht gefallen haben - der sie sich aber berufsbedingt ansehen mußte - wenn er mir ins Gesicht sagte, dass er es Scheiße fand, dann war ich zufrieden, denn für ihn waren sie nicht gemacht.

    Danke für den Artikel. (Vorsatz für 2009: Mehr faire Kritik üben!)

  2. rene sagt:

    O ja, mir wohl bekannt! Früher habe ich noch während der laufenden (meist Premièren-) Vorstellung krampfhaft nach irgendeinem positiven Moment gesucht. Damit ich was zu sagen habe, hinterher, wenn denn alles (endlich) vorbei ist und man gemeinsam ein Glas Sekt kippt und alle sich so unheimlich freuen und ganz stolz sind… und so.
    Inzwischen bin ich reifer, älter und dadurch vielleicht auch etwas bequemer und härter geworden. Jetzt gratuliere ich freundlich - und ansonsten warte ich, bis mich jemand (unvorsichtigerweise) nach meiner Meinung fragt. Tja, und die kriegt er denn auch zu hören…
    Anders würde ich es auch bei mir selbst nicht wollen. “Küsschen-hier-Küsschen-da-und-Tralala” war noch nie mein Ding.
    Lieben Neujahrsgruß von Rene

  3. Esther Barth sagt:

    Maßstäbe für unangemessene Kritik sind für mich erstens Beliebigkeit und zweitens Destruktivität.

    Beliebige Kritik, sei sie nun positiver oder negativer Natur, schadet nicht, ist aber im Hinblick auf künstlerische Weiterentwicklung unbrauchbar. Wenn ein "Boah, geil" auf der Basis von Groupietum zustande kommt und mir der Eindruck vermittelt wird, mein Tun wäre unabhängig von seinem Inhalt in jedem Fall so kommentiert worden, nur weil der Lobende beschlossen hat, mein Fan zu sein, finde ich das Ergebnis nicht einmal besonders schmeichelhaft.

    Destruktive Kritik kommt in dem von Dir genannten Kontext meines Erachtens dann zustande, wenn sich zuschauende Kollegen in ihrer Kommentierung auf die ohnehin offensichtlichen Schwächen stürzen und zu ihrer Behebung Maßnahmen vorschlagen, die die Produktionsbedingungen oder das, was die Beteiligten als Instrument so mitbringen, einfach nicht hergeben.

    Wenn befreundete Kollegen mich einladen, ihre Werke zu betrachten, finde ich das Ergebnis insgesamt mal mehr und mal weniger gelungen, aber es ist mir noch nie passiert, dass 90 Minuten Spielzeit ohne einen Moment vergehen, von dem ich ehrlichen Herzens sagen kann, DA hat es funktioniert. Ich finde es wichtig, mitzuteilen, was funktioniert - nicht was theoretisch funktionieren könnte, sondern in welchen Momenten etwas sichtbar wird vom anvisierten Ziel und in welchen nicht. Nicht um zu loben oder weil ich die künstlerische Eitelkeit so schützenswert finde, sondern weil ich glaube, dass eine eingehende Betrachtung und Verfolgung der schonmal ansatzweise richtigen Fährte zukünftig zu besseren Ergebnissen führt als eine allzu intensive Auseinandersetzung mit dem Holzweg (gerade wenn dieser vielleicht eh schon als solcher erkannt wurde). Diese Betrachtungsweise hat mit den willkürlichen Beifallsbekundungen von Groupies und Gutmenschen nichts zu tun, denn es geht dabei nicht um vollkommen beliebiges Lob, sondern darum, den kritisierten Freund mit dem Gefühl zurückzulassen, es selbst in der Hand zu haben, ob der nächste Theaterabend unter seiner Beteiligung als gelungener empfunden wird oder nicht.
    Es sei denn natürlich, man fazitiert am End, dass der beteiligte Freund in einem Call-Center generell besser aufgehoben wäre als auf der Bühne.

  4. Robert sagt:

    Moin. Dazu kommt die wie ich finde elementar wichtige Unterscheidung zwischen konstruktiver Offenheit was die Inszenierung angeht und persönlicher Kritik am Talent des Kollegen/ der Kollegin. Ich gehöre auch zu der Fraktion, die Friede-Freude-Eierkuchn kaum aushält und ich muss meine Meinung rauslassen wenn mir was nicht gefallen hat (genauso bin ich aber auch begeisterungsfähig wenn ich was mag, denn generell geh ich ja nicht ins Theater von Kollegen um hinterher zu schimpfen und zu proklamieren, ich hätte alles anders & vor allem besser gemacht). Aber oft hüte ich mich ein wenig wenn es wirklich um Talentfragen geht. Ich kann die INszenierung sezieren, aber in den seltensten Fällen finde ich meine lieben Kollegen schlecht auf der Bühne. Will sagen, ich kenne ihre Leistungsfähigkeit und sehe diese wenn dann nicht ausgeschöpft. Dass ich ein Stück nicht mag weil die Kollegen schlechte Schauspieler sind kommt kaum vor. Gott sei dank. Denn wie sag ich das nach der Premiere…

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