Nachtdreh
Normaler Weise gehe ich spät ins Bett. 2:00 ist normal für mich, wenn es später wird, ist das auch nicht schlimm. Ich hätte nie gedacht, daß in dem Moment, in dem ich auf der Dispo "Maskenzeit 19:45" lese müde werde und mir denke, daß 19:00 eigentlich eine tolle Zeit zum Schlafengehen ist.
Glücklicher Weise ist der Drehort 5 Minuten von meiner Wohnung entfernt. So sause ich um 19:30 mit meinem Fahrrad in Richtung Set.
Es beginnt gemütlich für uns. Wir sind nur drei Hauptdarstellerinnen, die in die Maske müssen, die Komparsen bleiben ungeschminkt, die Maskenbildnerin ist ein Schatz wir haben Zeit und sehen nach einiger Zeit total schön und ganz natürlich aus.
Dann beginnt die Warterei.
Glücklicher Weise ist es dort wo wir sitzen warm, für Getränke ist gesorgt und eine große Dose "Haribo" sorgt dafür, daß wir keinen Unterzucker bekommen. Gegen 23:00, geht es los.
Unsere Mägen knurren trotz Lakritz und Gummitierchen, aber ans Essen ist jetzt nicht zu denken, jetzt wird gedreht.
Wir kleben eingekeilt zwischen Scheinwerfern und Kamera an unserem Drehort fest, während 3 Stunden später "flying diner" angekündigt wird. Da wir verspätet angefangen haben, wird die Mittagspause ausgelassen und jeder, der Zeit hat, nimmt sich etwas zu essen. Wir haben keine Zeit und sehen immer wieder Leute mit Salat-oder Nudeltellern an uns vorüberziehen, hoffend, daß das Knurren unserer Mägen dem Tonmann nicht auffällt.
Um 03:10 können wir uns das erste Mal wegbewegen. Meine Zunge klebt am Gaumen, obwohl ich keinen Text habe, mein Magen hat aufgegeben zu Knurren, er hat sich aufs Schmerzen verlegt.
Tatsächlich bekommen wir noch ein paar Nudeln warmgemacht und zusammen mit der plötzlichen Entspannung sorgt die Nahrungsaufnahme für einen totalen Müdigkeitsanfall. Um 06:00 müssen wir das Set verlassen, ich schaue auf eine Uhr und tröste Kollegin2 und mich damit, daß nur noch 2 Stunden durchzuhalten seien. Sie sieht mich an und sagt: "So lang, wie ein langer Kinofilm."
"Reality Check" sagt man auf englisch dazu.
Die folgenden 2 Stunden sind ein echter Kampf. Wieder vor der Kamera, können wir ein Gähnen in den Pausen nicht mehr unterdrücken, ich werde so abgelenkt von einem Komparsen, der gedankenverloren mit einem Schokoriegel knistert, daß ich nicht höre, wie ich Regieanweisungen erhalte, mein Körper hat auf Autopilot geschaltet, während ich ein und dieselbe Handlung gefühlte 300 Mal ausführe:
"Mach schön langsam, wir sind sehr nah!"
"Nee, das war zu langsam."
"Kannst Du etwas mehr zögern?"
"Das war zu stockend, etwas fließender bitte!"
In Wirklichkeit vergehen kaum 5 Minuten in denen ich mich auf die Stimme des Regisseurs zu konzentrieren versuche. Wie gut, daß nur mein Arm zu sehen ist, der kann nicht so müde aussehen, wie ich mich fühle, oder doch?
Schließlich ist es 06:00. aber wir müssen noch eine Stunde länger ausharren. Um 07:15 schwinge ich mich auf mein Rad, froh darüber nur einen kurzen Heimweg zu haben und auf Fahrradwegen fahren zu können. Verkehrstauglich bin ich in Wirklichkeit nämlich nicht.
Zum Glück besitze ich eine Schlafbrille, die mir gute Einschlafhilfe leistet, denn draußen ist schon hellichter Tag. Und während ich ins Traumland gleite frage ich mich, wann ich das letzte Mal eine Nacht durchgemacht habe und warum das nie so anstrengend ist, wenn man nicht dafür bezahlt wird?



23. Juni 2009 um 19:34 |Bearbeiten
Und wo kann man das Ergebnis der Nachtschicht betrachten?